ZERO WASTE - Fragen & Antworten [INTERVIEW]

Zero Waste Interview

Ok, ok, mit den Vorsätzen für 2017 bin ich etwas spät dran, aber ich habe mich die letzten Wochen einfach mal um mich gekümmert und im Moment gelebt. Das macht man schließlich viel zu selten.

Wir sind immernoch in Mexiko und diese Reise hat mich schon mehr als einmal etwas wütend gemacht. Wütend? Ja! Denn wie leider so oft in Mittel- und Südamerika liegt hier einfach überall Müll. Müllbeutel werden einfach aus dem Auto geworfen, die Plastikbecher am Strand "vergessen" und von Recycling hat eh noch niemand etwas gehört. Jedes Getränk kommt ungefragt mit Strohhalm und im Supermarkt muss man regelrecht diskutieren, wenn man keine Plastiktüte möchte. Anstrengend und unnötig. Ich möchte kein Teil dieser Müllproduktion sein, egal ob hier oder in Europa. Zero Waste heißt die Devise, der komplette Verzicht auf Müll. Woah, das klingt kompliziert - ein großes Ziel. Doch wie fängt man an? Geht Zero Waste auch auf Reisen? Nur einige Fragen, die ich mir gestellt habe und auf die ich eine Antwort wollte.

Kurzerhand habe ich Susanne gefragt, ob sie mir nicht ein paar Fragen zum Thema beantworten würde. Susanne schreibt auf ihrem Blog freeofwaste über Zero Waste im Alltag und auf Reisen - eine Expertin auf dem Gebiet Zero Waste also. Vielleicht inspirieren dich ihre Antworten dazu, demnächst auch ein bisschen mehr auf Müll zu verzichten?

Liebe Susanne, toll, dass du mir heute ein paar Fragen zum Thema Zero Waste beantwortest. Ich möchte gerne viel mehr Müll vermeiden und ich denke, dass es vielen meinen Lesern ähnlich geht. Warum hast du mit Zero Waste angefangen?

Schon seit geraumer Zeit haben mich Themen rund um Nachhaltigkeit, Müllvermeidung und Wiederverwendung sehr interessiert und maßgeblich beeinflusst, meinen Lebensstil verändern zu wollen. Für meinen Uniabschluss habe ich mich mit den Auswirkungen von geplanter Obsoleszenz (gezielter Verschleiß von Produkten) beschäftigt. Vor Jahren hörte ich auf Deos, die Aluminium enthalten, zu benutzen und begann mein eigenes herzustellen, und das lange bevor ich wusste, dass "Zero Waste" überhaupt existierte.

Ich recherchiere gerne und durchstöbere das Internet oft zu Themen, die mich beschäftigen. Als ich zum ersten Mal von einer vierköpfigen Familie, die ganz ohne Müll in den USA lebt und einer jungen Frau aus New York hörte, deren Müll mehrer Jahre nur in einem Einmachglas Platz fand, war ich sehr beeindruckt, habe aber nicht sofort selbst gehandelt.

Als ich schließlich auf Reisen in Ländern, in denen es kein so gut entwickeltes Müllentsorgungssystem, wie in Deutschland, gibt, wie z.B. in Marokko, sah, dass der Müll überall war - auf Straßen, am Strand, im Meer - realisierte ich, dass ich etwas dazu beitragen wollte, um die Entstehung von noch mehr Müll zu vermeiden. Mir wurde klar, dass man diesem Teufelskreis nur begegnen kann, indem man Müll gar nicht erst entstehen lässt.

Angenommen ich kenne mich mit dem Thema Zero Waste noch nicht aus, wo kann ich mich am besten informieren?

Das Internet bietet mittlerweile immer mehr Möglichkeiten sich über Zero Waste zu informieren. Schön ist auch, dass die Zero Waste Community stetig wächst. Somit wird es für Neulinge immer leichter sich Wissen darüber anzueignen und Gleichgesinnte aufzuspüren. Folgt mir gerne auf Instagram für Einblicke und Tipps und schaut vorbei auf freeofwaste.

Welche offensichtlichen Müllfallen kann ich am einfachsten vermeiden?

Du kannst Lebensmittel unverpackt einkaufen, am einfachsten ist das bei z.B. Obst und Gemüse. Die Natur hat sich schon etwas dabei gedacht, eine Banane mit einer Schale zu versehen oder eine Gurke. ;) Nimm Jutebeutel zum Einkaufen mit, um Plastiktüten zu vermeiden. Für unterwegs kannst du dir Leitungswasser in einer wiederverwendbaren Flasche mitnehmen, statt Plastikflaschen zu kaufen oder für To-go-Getränke einen Mehrwegbecher verwenden. Statt Visitenkarten oder Flyer anzunehmen lieber mit dem Handy abfotografieren.

Ich habe keinen Unverpackt-Laden in meiner Nähe – Was nun?

Man braucht keinen Unverpackt-Laden, um Müll zu vermeiden. Unverpackt-Läden erleichtern es natürlich, aber es ist nicht unmöglich. Wochenmärkte und kleinere Händler sind eine super Anlaufstelle um verpackungsarm und bestenfalls regional und biologisch einzukaufen.

Trifft dein Lebensstil oft auf Unverständnis?

Nein, im Gegenteil. Die Leute sind eher positiv überrascht und fragen sofort nach wie das denn funktioniert und sind neugierig, was man so alles machen kann.

In welchem Bereich ist Zero Waste am schwierigsten und ist es nicht oft kompliziert 100% Zero Waste zu leben?

Im Alltag, unter normalen Umständen und im gewohnten Umfeld, fällt es nicht allzu schwer Müll zu reduzieren. Sobald man aber unterwegs oder im Urlaub ist, läuft man Gefahr seine Gewohnheiten über Bord zu werfen. Reisen kann die Routine durcheinander bringen. Zero Waste bedeutet vor allem vorbereitet zu sein, d.h. man sollte immer ein wenig voraus planen, so kann man z.B. auch unterwegs spontane Snackpausen einlegen. Ich bin es mittlerweile gewohnt unnötige Dinge abzulehnen, aber es erfordert ein wenig Hartnäckigkeit. Größte Herausforderung sind nach wie vor Strohhalme, die einem oft ungefragt einfach in Getränke gesteckt werden, in denen man sie nicht einmal erwartet hätte.

Gibt es etwas, dass dich am meisten aufregt? Bei mir sind es Plastiktüten…

Am meisten regt mich auf, dass viele Menschen ihre Gewohnheiten in keiner Weise hinterfragen und oft aus Bequemlichkeit Entscheidungen treffen, ohne zu weiter zu denken, welche Auswirkungen diese haben können. Sei es bei der Entscheidung für eine unnötige Plastiktüte oder einem Coffee-to-go-Becher...

Da stimme ich dir vollkommen zu - Leider beschäftigen sich die Menschen sehr wenig mit den Dingen, die sie nutzen. Eine nicht unberechtigte Frage: Ist Zero Waste teuer?

Nein. Dadurch, dass man bewusster einkauft und bestenfalls nur die Mengen, die man wirklich braucht und das zudem unverpackt, spart man einiges an Geld. Für verpackte Produkte werden bis zu 40% beim Preis hinzugerechnet. Man zahlt die Verpackung also mit, obwohl diese oft direkt nach dem Einkauf im Müll landet. Wenn man Dinge selbst herstellt, wie z.B. Allzweckreiniger, für den man einfach Essig und Wasser benutzen kann, statt eine grell-bunt bedruckte Sprühflasche mit fragwürdigen Inhaltsstoffen zu kaufen, dann hat man ein umweltfreundliches Produkt, das weniger als 0,40 Cent pro Liter kostet und genauso gut funktioniert.

Zero Waste auf Reisen – deine ultimativen Tipps?

Eine Möglichkeit schon vor Reiseantritt Müll zu vermeiden ist, sich für ein digitales Ticket für Flug, Bahn oder Bus zu entscheiden.

Eine wiederverwendbare Trinkflasche darf auf keinen Fall fehlen. So kann man sich Trinkwasser für unterwegs abfüllen und spart zudem Geld für teure Getränke. Am Flughafen ist es in der Regel kein Problem, die leere Flasche durch den Security Check mitzunehmen und danach in den Waschräumen mit Wasser zu befüllen. Oft gibt es auch Wasserauffüllstationen mit Trinkwasser. Je nach Reiseland sollte man sich allerdings informieren, ob das Leitungswasser zum Verzehr geeignet ist.

Wer Platz im Gepäck hat, sollte ein bis zwei wiederverwendbare Behälter oder Schraubgläser auf jeden Fall mit auf die Reise nehmen: man weiß nie, ob man nicht an einem Markt oder Café vorbei kommt, um sich etwas unverpackt geben lassen zu können. So sind spontane Einkäufe keine Gefahr für unnötigen Verpackungsmüll.

Plastikbesteck, Strohhalme und Servietten werden einem leider oft ungefragt in die Hand gedrückt. Ich habe immer eine Spork (Kombination aus Löffel und Gabel) und ein Stofftuch mit dabei. Auf diese Weise kann man auch spontan Snackpausen einlegen, wo nur Einweggeschirr verfügbar ist und ist mit eigenen nachhaltigen Alternativen ausgestattet. Ein Stofftuch ist nicht nur als Serviette sehr nützlich, sondern eignet sich auch um Snacks zu verpacken.

Seifenstücke sind optimal für unterwegs geeignet. So braucht man sich keine Gedanken um Flüssigkeitsbeschränkungen beim Fliegen zu machen und sie ersetzen oft mehrere Produkte in einem: zur Reinigung von Körper und Haaren oder sogar zum Wäschewaschen — das spart Gewicht und Platz im Gepäck.

Das ultimative Zero Waste Utensil: wiederverwendbare (Stoff-)Beutel. Darin kann man einfach alles verstauen und transportieren und somit auf Plastiktüten verzichten.

Leider ist das Thema Müllvermeidung, gerade in Mittel- und Südamerika überhaupt nicht präsent. Plastiktüten sind allgegenwärtig und Essen wird oft auf Plastiktellern serviert. Was muss deiner Meinung nach getan werden, um die Einstellung zum Thema Müll in den Köpfen der Menschen zu ändern?

Es sollte mehr Aufklärung und Transparenz geben, was eigentlich mit dem Müll passiert, nachdem man ihn weggeworfen hat und welche Auswirkungen für Mensch und Natur daraus resultieren. Vor allem sollte mehr Bewusstsein für Müllreduzierung geschaffen werden. Mit leichter zugänglichen Möglichkeiten für Menschen, die gerne etwas ändern möchten. Ein sehr wichtiger Punkt ist außerdem Entschleunigung. Man sollte sich Zeit nehmen die eigenen Bedürfnisse wahrnehmen zu können. Eine entschleunigte Lebensweise begünstigt ein bewusstes Konsumverhalten.

Was bereitet dir am meisten Freude am Zero Waste Lifestyle?

Es ist immer wieder eine schöne Herausforderung zu sehen, ob man an Orten, an denen man noch nicht war, unverpackte Produkte ausfindig machen oder einen Einkauf in mitgebrachte Dosen füllen lassen kann (obwohl ich mir natürlich wünschen würde, dass dies zukünftig an immer mehr Stellen möglich sein wird). In der Regel, sind die Leute zunächst irritiert aber dann doch aufgeschlossen und es gibt einen gewissen Aha-Effekt. Das spornt mich an. Ich lebe Zero Waste, um einen Beitrag zum Schutz unserer Umwelt zu leisten, für meine Gesundheit, um meinen Alltag zu vereinfachen, Zeit und Geld zu sparen und aufzuzeigen, wie einfach es ist, Müll zu vermeiden. Ich freue mich über jeden, der sich davon inspiriert fühlt oder zum nachdenken angeregt wird.